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Leo Simon Reinisch
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Leo Simon Reinisch

 

"Starker Geist und großes Talent wĂ€chst oft auf kargem Boden". Dieser alte Spruch trifft voll und ganz auf einen bedeutenden Österreicher zu, der am 26. Oktober 1832 als fĂŒnftes von neun Kindern auf dem Schoberhof in Osterwitz geboren wurde. An seiner Wiege - auf einem einschichtigen Bergbauernhof in schwerer Zeit - hĂ€tte sich wohl niemand vorstellen können, dass aus dem kleinen Leo einmal ein weltberĂŒhmter Sprachforscher, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften und ein Rektor der Wiener UniversitĂ€t, an den noch heute eine Gedenktafel im UniversitĂ€tshof erinnert, werden wĂŒrde.

Da Leo schon seit frĂŒhester Jugend als besonders wissbegierig und eigenwillig galt und dabei auch etwas mystisch veranlagt zu sein schien, beschlossen seine Eltern, ihm den Weg zum Priestertum zu ermöglichen. FĂŒr armer Leute Kind war dies wohl auch die einzige Möglichkeit, ein Studium zu absolvieren. So kam er nach Abschluss der einklassigen Volksschule in Osterwitz mit 14 Jahren ins kirchliche Gymnasium nach Graz, wo er wegen seiner sprachlichen Begabung sofort auffiel. Einer seiner damaligen Lehrer, der spĂ€tere Dichter Robert Hamerling, bescheinigte ihm schon damals "vorzĂŒglich in exakter Übersetzung, korrektem Ausdruck und genauer Kenntnis der Grammatik".

Sehr zum BetrĂŒbnis seiner Eltern wollte Leo nach der Matura nicht Priester werden. Er entschloss sich, zum Studium orientalischer Sprachen nach Wien zu gehen. Und dort begann seine nahezu atemberaubende Karriere: 1859 promovierte er an der UniversitĂ€t TĂŒbingen mit der Doktorarbeit "Über den Namen Ägyptens bei den Semiten und Griechen", und bereits 1861 habilitierte er sich als Privatdozent fĂŒr "Geschichte des Orients mit Einschluss Ägyptens" an der UniversitĂ€t Wien. FĂŒr die damalige Zeit ein recht ausgefallener Wissenschaftszweig, dem zuzuwenden sicherlich Mut erforderte.

Neben seiner Lehr- und ForschungstĂ€tigkeit in Wien ĂŒbernahm Leo Simon Reinisch die Bearbeitung und Publikation der Sammlung bedeutender Ă€gyptischer AltertĂŒmer im Schloss Miramar, die Erzherzog Maximilian 1855 von einer großen Orientreise mitgebracht hatte. Die 1865 daraus resultierende Veröffentlichung "Die Ă€gyptischen DenkmĂ€ler in Miramar" brachte ihm die "Goldene Medaille fĂŒr Kunst und Wissenschaft" und den Auftrag vom Erzherzog, dem nunmehrigen Kaiser Maximilian von Mexiko, im archĂ€ologischen Museum in Mexiko eine Ă€gyptische Abteilung aufzubauen. Er unternahm dazu 1865/66 eine ausgedehnte Ägyptenreise, auf der er viele neue Erkenntnisse gewann und bei der ihm auch ein sensationeller Fund, die "Inschrift von Tanis", gelang.

1866 folgte Leo Simon Reinisch Kaiser Maximilian als dessen GeheimsekretĂ€r nach Mexiko nach und begann dort sofort intensiv mit der Sammlung  sprachkundlicher Materialien und der Erforschung indianischer Sprachen. Da die triste Finanzlage des Kaisers keine UnterstĂŒtzung dieser Arbeiten zuließ, betrieb sie L. S. Reinisch ĂŒberwiegend auf eigene Kosten. Beginnend mit dem Aztekischen, ging er in dem Sprachenbabel Mexiko bald auf andere Sprachen ĂŒber; die Erforschung der dialektreichen Otomi-Sprache und des altertĂŒmlichen Mazahua bedeuteten dabei Meilensteine der Sprachforschung. Es schwebte ihm ein großes Dokumentarwerk zu altindianischen Sprachen vor, die politischen Ereignisse in Mexiko ließen dies aber nicht zu. Beim bitteren Ende des Kaisers musste L.S. Reinisch das Land verlassen und obwohl er den Großteil seiner Sammlungen nach Österreich verbringen konnte, blieb das große Vorhaben wegen mangelnder UnterstĂŒtzung durch Institutionen und Behörden in der Heimat unverwirklicht. Österreich hat damit eine große Chance vertan, Wien wĂ€re zum Zentrum der Mexikanistik in Europa geworden.

Leo Simon Reinisch wirkte ab 1868 als außerordentlicher und ab 1873 als ordentlicher Professor fĂŒr Ă€gyptische Sprache und Altertumskunde an der UniversitĂ€t Wien. Im gleichen Jahr erschien auch sein eminent wichtiges programmatisches Werk "Der einheitliche Ursprung der Sprachen in der Alten Welt", das ihm höchste Anerkennung brachte. 1884 wurde er zum Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, 1896 zum Rektor der Wiener UniversitĂ€t gewĂ€hlt.

Die Heranziehung afrikanischer Sprachen in seinen umfassenden Sprachvergleichen fĂŒhrte Leo Reinisch auch zu einer Jahrzehnte wĂ€hrenden BeschĂ€ftigung mit nordostafrikanischen Sprachen, vor allem dem Kuschitischen, als dessen Pionier er noch heute international geschĂ€tzt wird. Zwei große linguistische Forschungsreisen 1875/76 und 1879/80 nach Afrika brachten neue Erkenntnisse und eine Vielzahl von Veröffentlichungen zu etwa 20 verschiedenen Sprachen und Dialekten. Leo Simon Reinisch' Meisterschaft, fremde Sprachen zu durchdringen und aus dem grammatikalischen GefĂŒge sprachgeschichtliche Folgen abzulesen, verschaffte ihm schon zu Lebzeiten weltweite Anerkennung und zeitigte Ergebnisse, an denen niemand vorbeikommt, der sich mit afrikanischer Linguistik beschĂ€ftigt. So wird er auch heute noch als "Vater der Afrikanistik" in allen einschlĂ€gigen Werken erwĂ€hnt und gerĂŒhmt. Sein Lebenswerk war so reich und umfangreich, dass - wahrscheinlich aus Zeitmangel - ein guter Teil seiner Aufzeichnungen und BestĂ€nde, vor allem zur Ägyptologie und zu indianischen Sprachen, unveröffentlicht blieb und spĂ€ter zum Großteil verloren ging.

Nach Jahrzehnten intensivster Arbeit und kreativen Schaffens verbrachte Leo Simon Reinisch die letzten Lebensjahre auf seinem Bergbauernhof "Reinischhof" in Sommereben bei Stainz; er starb am 24. Dezember 1919 87jĂ€hrig in Maria Lankowitz, wo er im Friedhof seine letzte RuhestĂ€tte fand und wo heute an der Kirchenmauer seine Grabtafel an ihn erinnerte.

Der 150. Geburtstag des noch immer weltweit bekannten Gelehrten war Anlass, ihn mit einem internationalen "Leo Simon Reinisch - Symposium" vom 22. bis 25. Oktober 1982 in Wien zu wĂŒrdigen. Dabei wurde am 24. Oktober im Beisein von 24 Wissenschaftlern aus aller Welt an seinem Geburtshaus, dem Schoberhof in Osterwitz, eine Gedenktafel mit folgender Inschrift enthĂŒllt:

Dem Angedenken an LEO REINISCH,
BegrĂŒnder der Ägyptologie und Afrikanistik in Österreich,
geboren am 26. Oktober 1832 in diesem Hause,
gestorben am 24. Dezember 1919 in Maria Lankowitz.
EXEGIT MONUMENTUM AERE PERENNIUS
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(Das lat. Zitat des römischen Dichters Horaz lautet in deutscher Übersetzung:
"Er hat ein Monument geschaffen, dauerhafter als Erz")

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Weitere Details zu seinem persönlichen Werdegang und
wissenschaftlichem Wirken (mit zahlreichen Fotos):

http://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Reinisch

http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Leo_Reinisch 

 

Dr. Gerfried Pongratz

P.S.:
Die fĂŒr die Ägyptologie eminent wichtige "Inschrift von Tanis" ist als "ebook" aufrufbar; um die Entdeckung entspann sich 1866 ein aufsehenerregender Gelehrtenstreit, der in der Einleitung dieser Veröffentlichung dargestellt wird: 
 
http://books.google.at/ebooks/reader?id=ueM-AAAAcAAJ&printsec=frontcover&output=reader

Weiterer Link:
http://www.biographien.ac.at/oebl_9/50.pdf